Der Automarkt in China – eine kurze Analyse

China ist kein Markt – China ist das Wildwest-Labor der globalen Automobilindustrie. Hier wird mit Preisen jongliert, Technik in Echtzeit…

China ist kein Markt – China ist das Wildwest-Labor der globalen Automobilindustrie. Hier wird mit Preisen jongliert, Technik in Echtzeit getestet und Strategien im laufenden Betrieb verändert. Wer hier mithalten will, braucht starke Nerven, tiefes Durchhaltevermögen und eine gehörige Portion Risikobereitschaft. Denn eins steht fest: Nur wer am Ende übrig bleibt, entscheidet, wohin die Reise geht.

Aktuell tobt ein erbarmungsloser Preiskampf zwischen den Autobauern im Reich der Mitte – ein regelrechtes Blutbad aus Rabatten und Sonderaktionen. Und das alles vor dem Hintergrund massiver Überkapazitäten: Fast jede zweite Produktionsanlage steht halb leer. Klar, kurzfristig freuen sich chinesische Kunden über günstige Fahrzeuge. Doch langfristig könnte genau diese Rabattschlacht den Markt von innen heraus ruinieren und etliche Anbieter aus dem Rennen werfen.

Gleichzeitig liefern sich die chinesischen Autobauer ein spektakuläres Innovationsrennen, bei dem nicht immer alles Gold ist, was glänzt. Hersteller wie BYD EUROPE , NIO oder XPENG Deutschland preisen ihre Software-Gimmicks und autonomen Funktionen vollmundig an, doch im Alltag stolpern die Systeme oft über ihre eigenen Versprechen. Besonders drastisch: BYDs neues Versprechen, volle Haftung für autonome Parkunfälle zu übernehmen. Klingt mutig – oder doch eher nach Verzweiflungstat?

Europa steht nun zunehmend im Visier dieser Player. Doch hier zeigt sich schnell: Mit bunten Prospekten und Billigpreisen alleine erobert man nicht automatisch das Vertrauen skeptischer Europäer. Marken wie MG haben gezeigt, dass Erfolge möglich sind, doch viele andere Hersteller unterschätzen dramatisch, wie wichtig ein funktionierendes Servicenetz und glaubwürdige Langfriststrategien in Europa sind. Ohne lokale Verankerung und Kundennähe wird es schwer, sich dauerhaft am europäischen Markt zu etablieren.

Die Förderprämien in China setzen noch eins drauf: Kurzfristig kurbeln sie den Absatz an, doch mittelfristig drohen sie, den Markt in heftige Achterbahnfahrten zu schicken. Erinnerungen an die Abwrackprämie in Europa werden wach – ein kurzer Boom, gefolgt von langwierigen Krisen.

Europäische Hersteller schauen mittlerweile nicht mehr nur neugierig, sondern ernsthaft besorgt nach China. Besonders Volumenhersteller wie VW bekommen bereits jetzt ordentlich Gegenwind zu spüren. Premiumhersteller fühlen sich noch relativ sicher, doch die Chinesen holen schnell auf. Qualität und Softwarefeatures verbessern sich rasant, sodass selbst etablierte Marken sich bald fragen müssen, wie lange ihr Vorsprung noch hält.

Die Marktbereinigung in China ist unvermeidlich. Experten erwarten, dass bis zum Jahr 2030 von über hundert Elektroauto-Marken nur etwa fünfzehn überleben werden. Doch diese, die am Ende stehen, werden stärker und durchsetzungsfähiger sein als je zuvor – eine ernsthafte Herausforderung für alle anderen Märkte weltweit.

China bleibt das Experimentierfeld schlechthin für alles rund ums Auto – rau, rasant und unberechenbar. Genau darin liegt die große Chance: Wer hier besteht, dem stehen global alle Türen offen. Alle anderen werden höchstens zur Fußnote in der Automobilgeschichte.

Bjoern Habegger